Eine Atheisten-Familie feiert Weihnachten

erschien im «SonntagsBlick Magazin», Ausgabe 51/2016
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Der Duft von Zimt und Kardamom zieht durch die Wohnung der amerikanisch-schweizerischen Familie Siemers in Zürich. Mindy (47) hat ihren vier Söhnen gerade einen Chai Latte gebrüht. Auf Regalen und in Vitrinen sitzen Samichläuse, am üppig dekorierten Tannenbaum im Wohnzimmer hängen zwischen Christbaumkugeln glitzernde Hotdogs und Pommes-Tüten.
Hie und da blitzt eine Teufelsfratze aus dem Tannengrün. Damit Sohn Mike (9) seinen Geburtstag in der Weihnachtsstube feiern kann, wurde die Deko schon Mitte Dezember gemeinsam aus den Kisten gepackt.
Trotz der Begeisterung für Weihnachten ist die Familie Siemers anders: Die Eltern sind Atheisten. Gott bedeutet ihnen nichts. «Die Feiertage sind nicht nur für Gläubige da», sagt die gebürtige Amerikanerin Mindy Siemers. Für sie hätten diese Tage eine tiefe Bedeutung. «Für uns ist es das Fest der Familie.»
Ihre Winter-Festivitäten beginnen im November mit dem amerikanischen Erntedankfest Thanksgiving und enden mit Silvester: «Über einen Monat Party-Time!» Bis zum Neujahr wird das Zusammensein mit Schlittschuhlaufen oder Spazierengehen zelebriert. Während der dunklen und kalten Tage sei es wichtig, gemeinsam eine gute Zeit zu haben, sagt Andreas Siemers (47). «Ich glaube, es kommt nicht von ungefähr, dass Weihnachten in diese Jahreszeit fällt.»
In der Adventszeit stellen die Söhne Fragen: Wieso sie nicht wie andere Familien die Kirche besuchen würden. «Wir antworten offen, dass wir nicht an das Konzept der Religion glauben», sagt der Vater. Jack (10) machte in diesem Jahr sogar beim Adventssingen der Schule mit. «Das geht für uns in Ordnung», sagt der Vater, denn der Fokus habe nicht auf der Religion, sondern dem kulturellen Brauch des Singens gelegen.
Ausgrenzung wegen ihrer atheistischen Haltung haben weder die Eltern noch die Kinder erlebt. Unter anderem, weil sie sich den üblichen Weihnachtsbräuchen nicht gänzlich verweigern. Geschenke für die Kinder sind ein Muss. «Schliesslich erzählen sie sich dann in der Schule, was sie erhalten haben», sagt Mindy Siemers. «Wären wir in einem kleinen Dorf zu Hause, würden wir wohl mehr auffallen als hier in der Stadt.»
Damit das mit den Geschenken unterm Weihnachtsbaum am Morgen des 25. Dezembers klappt, bereiten Jack, Mike, Nick (12) und Jimmy (6) vor dem Ins-Bett-Gehen einen Teller mit Keksen und Rüebli vor. Zusammen mit einem Glas Milch stellen sie ihn vor die Haustür: Ein Snack für den Weihnachtsmann und seine Rentiere. Während die Buben dann selig schlafen, knabbern ihre Eltern die Rüebli an, «wir müssen schliesslich den Schein wahren».
Diese Weihnachtsmagie begeisterte Mindy Siemers schon als Kind. Sie will das lieb gewordene Ritual ihren Söhnen weitergeben – auch wenn nur noch die jüngsten beiden daran glauben.

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