Die tapfere Schneiderin

erschien in der «annabelle», Ausgabe 12/2016

Eva Bräutigam (32) wuchs im Thurgau auf und liess sich nach ihrer Lehre als Damenschneiderin von einem britischen Herrenschneider im Feinmass ausbilden. Sie war seine letzte Schülerin. 2009 machte sie sich mit ihrem eigenen Atelier und Label Eva Bräutigam selbstständig. Nebst ihrer Arbeit als Schneiderin ist sie als Projektleiterin bei der Hilfsorganisation Cuisine sans frontières tätig.

Eva Bräutigam, die meisten Schneiderinnen tragen ausschliesslich Kleider, die im eigenen Atelier hergestellt wurden, sozusagen als Visitenkarte. Doch Sie tragen gekaufte Jeans zum Interview.

Eva Bräutigam: (lacht) Ich habe mich noch nie als Visitenkarte betrachtet. Die Kundschaft kommt nicht meines Outfits wegen, sondern weil sie mein Handwerk schätzt.

Die Schneiderei ist ein Knochenjob. Warum tun Sie sich das an?

Weil es mein Lebensinhalt ist. Klar, die Schneiderei ist anstrengend, auch körperlich. Zum Handnähen schlage ich meine Beine übereinander und platziere den Stoff auf dem Knie, ich arbeite in einer konstant buckligen Haltung. Zudem gehört Schneiderin zu den am schlechtesten bezahlten Handwerksberufen der Schweiz. Der Verdienst ist vergleichbar mit dem einer Coiffeuse. Aber immerhin: Seit sieben Jahren kann ich von meiner Arbeit leben.

Wie haben Sie das geschafft?

Ich arbeite zwölf Stunden täglich, sechs Tage pro Woche. Dadurch konnte ich mir einen wertvollen Kundenstamm aufbauen. Ich habe zwei Angestellte, die ich selbst ausgebildet habe, da es in der Schweiz leider keine offizielle Feinmassausbildung mehr gibt.

Das liegt doch daran, dass die Nachfrage fehlt.

Stimmt. Man kann sich ja heute für fast kein Geld fast alles kaufen. Gewisse Billigmarken produzieren sogar bewusst Kleidungsstücke, die man nach einmaligem Anziehen wegwirft. Dieser Überf luss hat jedoch dazu geführt, dass gute Qualität wieder geschätzt wird.

Im Feinmass werden die meisten Kleidungsstücke von Hand genäht. Warum arbeiten Sie nicht effizienter?

Ich will nicht schneller arbeiten, sondern den Regeln getreu (schmunzelt). Da gehe ich keine Kompromisse ein. Bespoke*, zu Deutsch Feinmass, ist ein geschützter Begriff. Der Name bedeutet nicht, dass ich mit feineren Massen arbeite. Sie sind genauso fein wie etwa in der Haute Couture. Er beschreibt lediglich die Art der Herstellung. So benutze ich zum Beispiel keine Klebeeinlagen, sondern staffiere Rosshaar in das Sakko – für eine schöne Heldenbrust.

Was ist der Unterschied zwischen Haute Couture und Feinmass?

Man kann die beiden Genres nicht miteinander vergleichen. Der Begriff Haute Couture ist ebenfalls geschützt. Ursprünglich war er Ausdruck dafür, dass das Atelier eine entsprechende Anzahl Mitarbeitende hatte und eigene Kollektionen produzierte. Auch in der Haute Couture wird viel Wert auf Handarbeit gelegt. So wird bei einem Abendkleid jede einzelne Paillette von Hand auf den Stoff gestickt. Das Feinmass hingegen ist eine Art der Herrenschneiderei, die sich in der Damenmode nur für Mäntel oder Blazer anwenden lässt. Denn wer will schon ein Kleid mit Rosshaar?

Ihr Festhalten an der Tradition hat für Ihre Kunden einen hohen Preis.

Ein Anzug nach Feinmass kostet ab 6800 Franken.

Was steckt hinter diesem Betrag?

Ich zeichne für jeden Auftrag ein neues Schnittmuster, investiere bis zu achtzig Stunden reine Handarbeit in ein einziges Kleidungsstück, zudem kommt der Kunde drei- bis viermal zur Anprobe. Und: Ich arbeite nur mit den hochwertigsten Stoffen.

Sie meinen wohl eher mit den teuersten?

Nein. Die Qualität und nicht der Preis bestimmt, ob ich ihn verarbeite oder nicht. Meine Aufgabe ist es, die Qualität zu sichern. Denn ein Kleidungsstück von mir hält ein Leben lang. Bei einem qualitativ schlechten Stoff kann ich das nicht garantieren. Für das kleinere Budget biete ich Masskonfektion an, mit einem Startpreis von 1200 Franken. Masskonfektion heisst, dass ich wie gewohnt die Masse des Kunden nehme, diese dann aber nach Deutschland weiterleite. Dort wird mit derselben Genauigkeit und denselben Stoffen das Kleidungsstück genäht – aber mit der Nähmaschine.

Werben Sie mit den Masskonfektionen nicht mögliche Feinmasskunden ab?

Es ist sogar umgekehrt: Masskonfektionskunden gönnen sich irgendwann den Luxus des Feinmasses.

Wer sind Ihre Kunden?

Menschen, denen mein Handwerk etwas wert ist. Ich erlebe es sogar, dass Kunden lange sparen, um sich einen Feinmassanzug leisten zu können. Schöne Momente sind, wenn ich dann etwa höre, dass meinen Kunden «alle aus der Hand fressen», wenn sie den Feinmassanzug tragen.

Stellen Sie sich vor, Sie machen Ferien und liegen zwei Wochen am Strand. Wie wäre das?

Ich kann nicht sein, ohne mit meinen Händen zu arbeiten. Ich würde wohl anfangen, Sand oder Kieselsteinchen nach Farben zu ordnen.

* Das Wort «bespoke» leitet sich vom Verb «bespeak» ab und wurde erstmals 1583 im «Oxford English Dictionary» mit «to arrange for» beschrieben, was «etwas für jemanden bewerkstelligen» bedeutet.

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