Knusper Krabbler|Teil 2

Fotos: Siggi Bucher/zVg

erschien im «SonntagsBlick Magazin», Ausgabe 16/2017

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Christina Hartmann, ETH, SonntagsBlick Magazin Insekten
Christina Hartmann (31), Ernährungswissenschaftlerin ETH Zürich

Frau Hartmann, Sie sind Ekelforscherin: Wie kamen Sie dazu?
Christina Hartmann: Als die Idee mit Insekten als alternative Proteinquelle aufkam, war der Einfluss des Ekels in unserem Ernährungsverhalten gänzlich unerforscht. Also lancierte ich 2015 verschiedenste Studien, um unsere Ekel-Sensitivität zu verstehen.

Wie misst man Ekel?
Wir haben zwei Tests entwickelt. Einerseits einen Fragebogen, in dem die Befragten verschiedene Situationen einordnen: Wie abstossend empfinden Sie es, wenn Sie beim Essen auf einen Tierknorpel beissen? Finden sie die Scheibe Brot eklig, von der eine Kollegin abgebissen hat? Der zweite Test basiert auf Bildern, etwa von einer angeschimmelten Kartoffel, braunen Bananen oder schrumpeligen Tomaten. Hier erörtern wir die Ekelsensitivität im Gespräch.

Wie helfen solche Ergebnisse weiter?
Dank der Tests fanden wir unter anderem heraus, dass Lebensmittel, die stark an ihre tierische Herkunft erinnern, vermehrt Ekel auslösen.

Zum Beispiel?
Spanferkel, blutige Steaks, unverarbeitete Insekten. Spannend bei letzteren: In einer anderen Studie fanden wir heraus, dass Leute, die Chips aus zerkleinerten Insekten verkosteten, eher bereit sind, auch unverarbeitete Insekten zu essen.

Was glauben Sie: Wann werden wir alle ohne Ekel Insekten essen?
So schnell wird das nicht passieren. Zuerst werden wohl einige Essabenteurer eine Vorreiterrolle einnehmen. Ob der Rest nachzieht, ist jedoch mehr als fraglich.

Wer ekelt sich mehr: Mann oder Frau?
Frauen empfinden Insekten abstossender als Männer. Vielleicht liegt das am anerzogenen Rollenbild der Männer, das ihnen untersagt, Schwäche zu zeigen.

Wie können wir vom Verzehr überzeugt werden?
Garantiert nicht nur mit ökologischen Argumenten. Sonst würden wir schon jetzt weniger Fleisch und keinen Fisch mehr essen. Die Vermarktung der Insekten als Lifestyleprodukt wäre denkbar – ähnlich wie Superfood.

Ekel ist auch ein Schutz: Wird es nicht auch gefährlich, wenn wir unsere Abneigung gegen Insekten quasi abtrainieren?
Nein. Da sehe ich keine Gefahr. Im Gegenteil: Insekten werden nicht das Letzte sein, das uns als Proteinalternative serviert wird. Es ist sinnvoll, sich mit dem eigenen Ekelempfinden gelegentlich auseinanderzusetzen.

Das Essen wird also noch stärker zur Kopfsache?
Ich hoffe es. Denn vielen ist noch immer nicht bewusst, dass für die Fleischproduktion viele Ressourcen verbraucht werden. Das Insekt als Maskottchen ist darum wünschenswert: für die Kampagne einer nachhaltigeren Ernährung.

8 INSEKTEN-FOOD-FAKTEN

2 Mrd Menschen essen Insekten ohne Ekel.

80 Prozent eines Insekts sind essbar. Beim Rind ist es nur die Hälfte.

10 Kilogramm Futter frisst ein Rind pro Kilo Fleisch. Für ein Kilo Insekten ist nur 1,2 Kilo Futter nötig.

120 bis 600 Franken pro Kilogramm kosten je nach Art importierte gefriergetrocknete Insekten. Solche aus Schweizer Betrieben kosten pro Kilo zwischen 240 und 2400 Franken.
Zum Vergleich: Ein Kilo Schweizer Poulet kostet rund 10 Franken.

3000 frische Grillen ergeben ca. ein Kilo Nahrung.

25 Gramm reines Protein ist in 50 Gramm gefriergetrockneten Mehlwürmern.

30 Grad Celsius beträgt die optimale Temperatur für die Insektenzucht.

4 Wochen umfasst eine Generation bei Insekten. Sie wächst unter Zuchtbedingungen um den Faktor zehn.

Zum ersten Teil: Zucht & Verarbeitung

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