«Wollen Sie, dass mich die Schweiz hasst?»

Foto: Nik Hunger

erschien im «SonntagsBlick Magazin», Ausgabe 45/2016

Es ist später Nachmittag, als das SonntagsBlick Magazin Patricia Kaas (49) in einem Zürcher Hotel zum Interview trifft. Am Vortag aus Deutschland angereist, befindet sich die französische Sängerin berühmter Chansons wie «Mademoiselle chante le blues» auf Promotions-Tour für ihr neues Album «Patricia Kaas».
Von der Femme fatale, als die sich Kaas zuweilen bei ihren Bühnenauftritten gibt, ist nichts zu sehen. «Den ganzen Tag Interviews zu geben, ist sehr anstrengend», sagt sie – auf Deutsch mit ihrem markant französischen Akzent.
Das weiss auch ihr langjähriger Manager, der dem Fotografen über die Schulter blickt und nach wenigen Minuten das Shooting mit den Worten «Ça suffit» – das reicht – beendet.

Frau Kaas, das Künstlerleben ist wohl nicht einfach.
Patricia Kaas: Das kommt ganz auf den Moment an.

Entspannte Momente teilen Sie auf Instagram. Dort sind Sie verfremdet als Katze zu sehen. Haben Sie auch Snapchat?
Nein. Dieses Katzenvideo habe ich mit einem Instagram-Filter gemacht. Das Profil habe ich erst vor ein paar Wochen öffentlich geschaltet. Vorher habe ich im Privatmodus die Funktionen ausprobiert.

Gehört diese virtuelle Nähe zu Ihrem neuen Image?
Man sagt, dass Künstler heutzutage Social Media brauchen. Darum betreut mein Team Twitter und Facebook professionell. Instagram nutze ich aus persönlichem Interesse. Ich mag, was gewisse Leute dort posten: schöne, ästhetische Bilder, die aus dem Leben und nicht aus dem Studio stammen. Ich glaube jedoch nicht, dass ich wegen meiner Social-Media-Aktivität an meinen Konzerten mehr Besucher habe.

Auf Ihrem neuen Album besingen Sie gewohnt emotional aufgeladene Themen. Wo ist die neue Patricia, die man uns im Zusammenhang mit dem neuen Album verspricht?
Wissen Sie, ich kann den Ententanz zwar tanzen, aber ihn zu singen, liegt mir nicht. Ich bin nun mal ein Mensch der Melancholie. Ich brauche solche Themen, um meine Emotionen im Gesang auszudrücken. Sie sind Teil meiner Seele. Das heisst aber nicht, dass ich unglücklich bin. In all meinen Chansons steckt auch ein bisschen Hoffnung. Neu jedoch ist, dass ich nicht nur von Liebe singe. In einem Lied geht es sogar um Inzest. Gerade heutzutage, wo so viele schreckliche Dinge auf der Welt passieren, wollen die Leute die Sachen auf den Tisch bringen. Auch ich.

Auch Schreckliches wie die Terroranschläge in Frankreich?
Ja, der 13. November letzten Jahres zum Beispiel. Das Lied «Le jour et l’heure» steht für solch einschneidende Erlebnisse. Oft erinnert man sich noch lange daran, wo man war und was man machte.

Wo waren Sie an jenem Novemberabend?
Ich sass mit einer Freundin in einem Pariser Restaurant. Da ich mein Handy nicht dabeihatte, bekamen wir von den Explosionen und Schiessereien nichts mit. Erst als wir das Lokal verliessen, kam der Schock: Die Leute erzählten uns, was passiert war, alle Geschäfte waren geschlossen, und Sonderkommandos der Polizei waren unterwegs. Es war wie im Krieg.

Und dann?
Ich hatte Angst. Es war grausam. Ich ging nach Hause und verfolgte vor dem Fernseher bis sechs Uhr in der Früh das weitere Geschehen.

Solche Einblicke in Ihr Privatleben geben Sie auch im CD-Booklet: Sie schreiben, dass Sie als Frau im Leben doppelt so viel kämpfen müssen als ein Mann. Wo muss eine Patricia Kaas kämpfen?
Na, das ganze Leben ist ein Kampf!

Warum?
Schwierige Frage. Es ist die Erfahrung meines Lebens: Als Frau hat man es schwerer, einen guten Job zu bekommen, und auf der Strasse wird einem hinterhergepfiffen.

Erlebten Sie das neulich?
Kürzlich traf ich einen entfernten Bekannten. Er sagte, dass ich noch vor Ende dieses Jahres mit ihm schlafen werde. Das würde eine Frau nicht sagen. Diese und ähnliche Provokationen erlebe ich seit 30 Jahren in meinem Beruf.

In «Adèle» erzählen Sie einem Mädchen von solchen Erlebnissen und geben ihm Ratschläge.
Ich wäre gerne diese Adèle gewesen, die man an der Hand nimmt und führt. Meistens musste ich mir die Ratschläge selbst geben. Da meine Mutter früh starb (Patricia Kaas war damals 22 Jahre alt, Anm. d. Red.), rückte mein Publikum an diesen Platz.

Wie meinen Sie das? Das Publikum ersetzte die Mutterliebe?
Natürlich kann die Mutterliebe nie ganz ersetzt werden. Aber mit meiner Flucht in die Arbeit konnte ich den Schmerz des Verlustes hinausschieben. Mit den Jahren wurde mir aber bewusst, dass ich mir für die Trauer Zeit nehmen muss.

In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, dass Ihre Mutter Sie «gross» sehen wollte. Doch nach den ersten musikalischen Erfolgen in den späten 1980ern hätten Sie sich eingesperrt gefühlt. Leben Sie den Traum Ihrer Mutter?
Nein. Das hat sich in den letzten zwei Jahren stark geändert. Ich habe inzwischen alles, was ich konnte, meiner Mutter gegeben. Das musste einfach aufhören. Zudem hätte sie bestimmt gar nie so viel von mir verlangt. Inzwischen muss ich mir nichts mehr beweisen. Ich lebe nur noch für mich.

Gibt es auf Ihrem Album ein bestimmtes Lied, das für diesen Befreiungsschlag steht?
Weniger ein bestimmtes Lied als eher das gesamte Album.

Stammt diese neu gewonnene Gelassenheit von Ihrer Lebenserfahrung? Am 5. Dezember werden Sie ja 50 Jahre alt.
Vielleicht. Sie ist aber bestimmt nicht der Hauptgrund. In den letzten Jahren wurde ich zunehmend müder. Dann, vor drei Jahren, starb mein Malteserhündchen Téquila. Ich hatte gerade meine Tour «Kaas chante Piaf» beendet und war sehr erschöpft. Es war, als würde Téquila mir sagen wollen: So, ich gehe jetzt, und du denkst jetzt bitte an dich selbst! Das tat ich. Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich überhaupt wieder singen würde. Schliesslich beschloss ich, mir nicht das zu nehmen, was ich am liebsten tue. So entstand mit der Zeit der Wunsch, ein elegantes Chansons-Album zu machen.

Nebst den vielen persönlichen Veränderungen tauschten Sie 2006 Ihren Zürcher Wohnsitz mit einem in Paris. Was vermissen Sie an der Schweiz?
Ich lebte hier in einer Wohnung mit Seeblick. Eine örtliche Verbundenheit mit Zürich hatte ich aber nicht. Es war für mich eher ein Zufluchtsort nach den anstrengenden Tourneen. Das ist aber auch in Paris genau gleich: Mein Zuhause ist die Wohnung, nicht die Stadt.

Trotzdem lebten Sie sechs Jahre in Zürich. Haben Sie ein schweizerdeutsches Lied gelernt?
Nein. Aber ich kann «Uf Wiederluege» oder «S’Hündli» sagen. Aber das klingt so hart.

Es scheint, als mögen Sie unseren Dialekt nicht sonderlich. Oder?
(Lacht) Wollen Sie, dass mich die Schweiz hasst? Es ist ähnlich wie beim Plattdeutschen: Das Ohr muss sich schon sehr daran gewöhnen.

DIE ERFOLGSGESCHICHTE KAAS

Als Kind einer deutschen Mutter und eines französischen Vaters wuchs Patricia Kaas im französischen Forbach mit sechs Geschwistern auf. 1985 veröffentlichte die Sängerin ihre erste Single «Jalouse». Finanzielle Unterstützung bekam sie von Schauspieler Gérard Depardieu (67), den Kaas bis heute nie wirklich kennengelernt hat: «Das Geld habe ich ihm aber schon 5000-fach zurückgezahlt.» Zwei Jahre später gelingt Kaas mit der Single «Mademoiselle chante le blues» der künstlerische Durchbruch. Die nun am 11. November 2016 erschienene Platte «Patricia Kaas» ist ihr zehntes Studioalbum. Erstmals seit 13 Jahren singt sie wieder eigens für sie geschriebene Chansons. Besonders im Klavierstück «Marre de mon amant» hört man: Die raue Stimme ist noch heute faszinierend.

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