Mord zum Sonntag|Teil 1

erschien im «SonntagsBlick Magazin», Ausgabe 44/2016

Es ist Sonntag, 29. November 1970. Um 20.20 Uhr strahlt die ARD die erste «Tatort»-Folge aus. Von Gunther Witte (81) erfunden (zum Interiew), soll das Krimi-Format die ZDF-Sendung «Der Kommissar» konkurrenzieren.
Da die Mitglieder der ARD-Sender-Familie vom Konzept begeistert waren, wollte man schnellstmöglich starten. Aus Zeitgründen griff man daher auf bereits fertig produzierte Filme zurück. So war die erste «Tatort»-Folge «Taxi nach Leipzig», in der Walter Richter (†80) den Kommissar Paul Trimmel mimt, ursprünglich als eigenständiger Fernsehfilm gedacht. Weitere folgten.
Dank der hohen Zuschauerzahlen setzten die Macher Wittes Erfindung immer präziser um. Die Sender fingen an, eigenständige und vor allem regionale Krimis zu produzieren. 1980 vereinheitlichte man die Spielzeit der Filme auf 90 Minuten.
Wer alle über 1000 Folgen am Stück anschauen möchte, müsste über zwei Monate Tag und Nacht auf der Couch verbringen. Darum hier ein schnellerer Überblick der interessantesten «Tatort»-Fakten:

Seit 1000 Folgen unverändert ist das «Tatort»-Intro. Lediglich die Melodie passt Komponist Klaus Doldinger (80) in den Jahren 1979 und 2004 minimal an. In der Ur- Version spielt auf Doldingers Wunsch sein Kollege Udo Lindenberg (70) das Schlagzeug.

Das erste Opfer ist die damals neunjährige Petra Mahlau (55). Ihr Auftritt als Leiche in «Taxi nach Leipzig» von 1970 dauert genau drei Sekunden.

Die erste Kommissarin ist Nicole Heesters (79). Als Marianne Buchmüller löst sie ab 1978 während zweier Jahre drei Fälle in Mainz. Die zweite Frau in der «Tatort»-Geschichte ist Karin Anselm (76): Sie ermittelt von 1981 bis 1988 als Kommissarin Hanne Wiegand in acht Fällen.

Eine der skurrilsten Tatwaffen ist eine Elefantenkuh, die einen Tierparkinspektor zu Tode trampelt. Als unglücklicher Zufall getarnt, finden die Kommissare Stoever und Brockmöller 1987 in «Tod im Elefantenhaus» heraus, dass das Unglück vorsätzlich geplant war.

Die gröbste Fehleinschätzung passiert 1987 nach der Ausstrahlung des österreichischen «Tatort» «Wunschlos tot»: Der damals 30-jährige und heutige zweifache Oscar-Gewinner Christoph Waltz (60) bekommt nach seinem «Tatort»-Debüt als Inspektor Herbert Passini kein weiteres Engagement — die Zuschauerzahlen seien zu niedrig gewesen.

Der erste «Tatort» aus der Schweiz ist 1990 mit Mathias Gnädinger (†74) als Walter Howald zu sehen. Mittlerweile liegen 23 Schweizer Folgen vor. Zwischen 2002 und 2011 strahlt das SRF wegen zu geringer Zuschauerquote nicht einmal die deutsche Version aus.

Niemals wiederholte Filme des «Tatorts» nennt man «Giftschrankfolgen». Bislang sind fünf Werke gesperrt, wie zum Beispiel «Wem Ehre gebührt» von 2007: Hier sind Verletzungen religiöser Gefühle der Grund. Bei «Der Fall Geisterbahn» von 1972 ist der Grund simpler: Die Lizenzrechte sind nicht geklärt.

Am längsten im Dienst aller Ermittler ist Lena Odenthal. Seit 1989 arbeitet sie in Ludwigshafen und löste bis jetzt 64 Fälle. Darstellerin der egozentrischen Kriminalhauptkommissarin ist Ulrike Folkerts (55).

Die schrägste Handlung hat der 1997 ausgestrahlte Film «Tod im All»: ein verschwundener Ufologe, eine ermordete Moderatorin, Begegnungen mit Aliens  – und eine Nina Hagen, die als sich selbst auftritt, aber auch im Albtraum von der Ermittlerin Odenthal eine Rolle spielt. Das war dem «Tatort»-Vater Gunther Witte zu viel Science-Fiction, als er das Drehbuch las. Doch sein Protest war vergebens: Der Film war zu diesem Zeitpunkt schon abgedreht. «Heute kann ich darüber lachen», sagt Witte.

Gaststars gibt es beim Tatort einige. Helene Fischer (32) spielt 2016 in «Der grosse Schmerz» eine Auftragskillerin, Roger Moore (89) legt in «Schatten» (2002) einen Cameo-Auftritt hin, und Rudolph Moshammer (†64) schillert als Dr. Brechtel in «Blaues Blut» (2000).

Die realitätnahste Handlung bietet «Haie vor Helgoland» im Jahr 1984. Weshalb? Wenige Tage nach der Ausstrahlung ahmten reale Geldräuber die Tat nach –  zum Glück ohne Tote.

Als beliebtester und charismatischster Kommissar kennt man Horst Schimanski, den der Berliner Schauspieler Götz George (†77) verkörperte. 1981 feiert er mit dem Satz «Hotte, du Idiot, hör auf mit der Scheisse» seine erste «Tatort»- Folge. Eine regelrechte «Scheisse»-Diskussion entflammte unter den Krimi-Fans: Darf ein «Tatort»-Kommissar so vulgär sein? 1991 verabschiedet er sich mit den Worten «Scheisse! Scheisse!» aus der Serie. Weil der schmuddelige Kommissar so beliebt ist, startet 1997 eine eigenständige «Schimanski»-Serie, die sechs Jahre andauert.

Den grössten Skandal löst die 16-jährige Nastassja Kinski (links), heute 55-jährig, 1977 aus. In «Reifezeugnis» ist sie barbusig und mit ihrem Lehrer knutschend zu sehen.

Das aktuell beliebteste ErmittlerDuo sind Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, 52) und Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl, 56). Der bissige Humor des Münsteraner Teams gefällt auch Gunther Witte: «Die beiden sind grossartig!» Aber auch Nebendarsteller wie die Pathologin Silke Haller (Christine Urspruch, 46) verleihen den Filmen einen eigenen Charme.

Einer der erfolgreichsten Schweizer Schauspieler, der im «Tatort» mitspielte, ist Antoine Monot, Jr. (41). Für seine Rolle als Simon Amstad in «Ihr werdet gerichtet» (2015) erhält er an den 51. Solothurner Filmtagen den Schweizer Fernsehfilmpreis.

Das neueste Team stammt aus dem Schwarzwald und wird 2017 die Ermittlungen aufnehmen: Hans-Jochen Wagner (47) und Eva Löbau (44) als Hauptkommissare Berg und Tobler mit dem Vorgesetzen Kriminaloberrat Schöllhammer, den Harald Schmidt (59) spielt.

Zum ersten Mal trägt eine Folge einen Titel, den es schon mal gab: «Taxi nach Leipzig» heisst die 1000. «Tatort»-Folge  – genau gleich wie die erste von 1970. Die Handlung des neuen Films ist zwar eine andere. Aber altbekannte Gesichter geben sich die Ehre: etwa Karin Anselm und Friedhelm Werremeier (86), der Autor der ersten Folge.

ZAHLEN ZUM «TATORT»

89 Ermittlerteams sorgen seit 1970 für Recht und Ordnung.

72 Fälle – am meisten von allen – haben die Münchner Batic und Leitmayr bearbeitet.

26'570'000 Zuschauer verzeichnet der meistgesehene «Tatort», die Folge «Rot – rot – tot» von 1978 mit Curd Jürgens.

51 Leichen gab es 2014 in der Folge «Im Schmerz geboren» – Rekord!

101 Mal war München «Tatort»-Schauplatz – so oft, wie keine andere Stadt.

2500 D-Mark, knapp 3000 Franken, bekam 1970 die Erschafferin des berühmten Trailers, Kristina Böttrich-Merdjanowa.

Zum zweiten Teil: Interview mit «Tatort»-Erfinder Gunther Witte

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